12.500 Jahre Normalverdiener

12.500 Jahre Normalverdiener

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bei einem Transfer der über 200 Millionen Euro Ablöse beträgt, mein Dasein als Fußballzuschauer zu beenden. Wie der Freiburger Trainer Christian Streich auf einer Pressekonferenz andeutet (siehe kicker), sind wir im Fußball an einen neuen Punkt der Reflexion über Geld angelangt.

Wie soll ich als Zuschauer, der zu den Menschen gehört, der diese Summe von 222 nicht mehr fassen kann, damit umgehen? Das Geld kommt zudem von einem Verein aus einer Stadt in der die Jugendlichen in den Vororten keine Zukunft besitzen und großer Integrationsmangel herrscht.

Nimmt man das kolportierte Jahreseinkommen von 45 Millionen Euro und rechnet es auf einen Fünfjahresvertrag ergibt sich fast die gleiche Summe noch einmal: 225 Millionen. Legt man ein durchschnittliches Monatseinkommen von 3.000 Euro pro Monate des „normalen“ Arbeitnehmers zugrunde, könnte der Normalverdiener 75.000 Monate vom Fünfjahressalär bezahlt werden. Ja, 75.000 Monate! Bekanntlich hat ein Jahr nur zwölf von diesen. Deshalb könnte sowohl vom Gehalt als auch nochmals von der Ablöse ein Normalverdiener 6.250 Jahre angestellt werden.

12.500 Jahre Normalverdiener werden bei diesem Deal also auf einen Schlag umgesetzt. Womit ich zur Frage zurückgelange – wie damit als Fußballzuschauer umzugehen ist. Dem brasilianischen Nationalspieler kann man sicherlich keinen Vorwurf machen. „Es ist nicht böse mehr Geld haben zu wollen“, sagte Streich auf der Pressekonferenz. Neymar tut nur etwas, dass ihm als einzelne Person nicht vorgeworfen werden darf.

Trotzdem gelange ich als Zuschauer an die Grenze des Fassbaren und muss, vielleicht sogar deterministisch, auf diesen Transfer reagieren. Doch ist es nun wirklich an der Zeit zu sagen: „Ich schaue keinen Fußball mehr?“ Selbst der sehr selbst-reflektierte Christian Streich kann keine andere Aussage mehr treffen, als: „Es ist mir egal!“ Wobei er mit diesem Satz eigentlich meint, dass es ihm nicht egal ist, weil die Summe nicht mehr fassbar ist.

Das Spiel Fußball hat mit der Summe ebenso wenig zu tun, wie man es dem Brasilianer vorwerfen könnte. Das Problem liegt tiefer, als dass es mit einem Boykott des Fußballs oder Verachtung gegenüber bestimmten Spielern zu beantworten wäre.

Vielmehr muss das Verhältnis zwischen kommerziellem Fußball und dem Zuschauer grundlegend überdacht werden. Gefordert sind zuerst die Verbände. Die UEFA kündigt zwar eine Kontrolle des Transfers an, doch wie auch der Freiburger Trainer erwähnt, sollte eine Regel wie das Financial Fairplay eben umgesetzt werden, ansonsten braucht es eine solche Regel auch nicht. Die jeweiligen nationalen Verbände aus Spanien und Frankreich treten gar nicht erst in Erscheinung. Es bleibt also abzuwarten, wie die UEFA auf diesen Transfer reagiert.

Und was bleibt uns Zuschauern? Streich bezog sich zu Recht auf Studien, aus denen hervorgeht, dass ein Mensch nicht mehr glücklicher werden kann, wenn er ein durchschnittliches Einkommen von ungefähr 3.000 Euro in Westeuropa erhält. Als Zuschauer, der dieses Einkommen erreicht, benötige ich also keinen Neid oder das Gefühl der Gier, selbst mehr Geld haben zu wollen. Genau dieses Gefühl, des „Mehr-Haben-Wollens“ muss in die Realität „Ich bin mit einem Einkommen von 3.000 Euro bereits maximal glücklich“ umgesetzt werden.

Die Summe zum „maximalen Glück“ wird nun auf 12.500 Jahre beim Neymar-Deal umgesetzt. Womit nicht das Spiel Fußball oder der brasilianische Nationalspieler „böse“ werden. Vielmehr gibt dieser Transfer in diesen astronomischen Summen nur eine Frage wieder, die auch politisch zur Debatte steht. Es ist die Frage nach der Einkommensverteilung. Wie viel mehr darf ein Manager, Fußballspieler oder Investmentbanker verdienen, als der Handwerker, Briefträger oder Lehrer. Der Transfer und das Spiel Fußball sind hier nur Abbilder der Gesellschaft.

Streich erwähnte auf der Pressekonferenz, dass sich Menschen mehr Geld wünschen, um mehr Sicherheit und Anerkennung zu bekommen. Als Zuschauer dieses Transferspektakels bleibt als Reaktion also die grundlegende Frage, ob es nicht möglich ist, jedem Menschen Sicherheit und Anerkennung zukommen zu lassen, indem eine gerechte Einkommensverteilung angestrebt wird.

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